Hilfe, mein Kind wird eine Tussi!

„Ich habe keine Ahnung, wo die das her hat. Ich bin doch nicht so, ich schminke mich ja kaum“, sagt mir eine gute Freundin. Sie schickte mir ein Foto ihrer Tochter, die mit Freude vor dem Spiegel sitzt und sich schminkt. Bis vor wenigen Monaten war ihre Tochter noch begeistert von Baggern und Werkzeug und plötzlich DAS. Die Stimme meiner Freundin zeigt, dass sie tatsächlich etwas schockiert ist, was ihre Tochter da macht. Es klingt wie der Aufschrei „Hilfe, meine Tochter ist eine Tussi!“ – ein Fluch lastet auf dieser armen Familie.

Ich höre ihr zu und verstehe ihre Gedanken. Meine Tochter war mit 3 Jahren auch ein Bagger und Auto Kind und als sie in den Kindergarten kam – schwupp, war alles pink und voll Glitzer. Die Pinke Phase war ausgebrochen. Ich hoffte, dass es eine Phase wäre – jahrelang. Gerade als ich aufhören wollte, zu hoffen, passierte das wunder: schwarz statt pink. Und nun steht sie gelegentlich vor mir. In einfachem Schwarz und Grau – eine junge Frau, selbstbewusst und starkt (und stur).

Irgendwie ist es komisch, dass wir dieses Rollenbild im Kopf haben: ein Mädchen, dass sich gerne schminkt und Kleider trägt, wäre irgendwie … unglaublich weich und eben tussig. Ich erzählte meiner Freundin von meiner Tochter und von einer Frau, die ich sehr bewundere: die bei den städtischen Betrieben hier arbeitet. Sie ist schlank, blond und geschminkt – und ganz nebenbei fährt sie mir dem großen Rasenmähtraktor, bedient den großen Häcksler und ich hab sie schon mal am Presslufthammer gesehen. Sie ist eine Frau in einer Männerdomäne und sie ist ne richtige Frau.

Warum haben wir Angst, dass ein wenig Farbe im Gesicht eines Kindes bewirken könnte, dass unser Kind schwach wird? Warum ist „weibliches Verhalten“ etwas, das wir unseren Kindern nicht wünschen? Was genau ist so schlimm an pink und Glitzer? Warum bringen wir unseren Kindern nicht bei, dass man schön, elegant UND stark sein kann?

10 Kommentare

  1. Christiane
    ·

    Genau so ist es. Und nur weil ich meinem Sohn die Nägel lackiere, verweichlicht er deshalb nicht gleich. Ich bin froh, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo jeder das tragen darf, womit er/sie sich wohlfühlt.

  2. Johanna
    ·

    Ja, Gottseidank haben sich die Zeiten verändert. Ich vergesse nie den entsetzten Gesichtsausdruck meiner Mama, als sie mich „erwischte“ im Kleid. Na und, heute denke ich, was soll’s, aber damals (in den Achtzigern) war es eben ein Problem. Da hatte der Sohn gefälligst Junge zu sein, und die Tochter eben halt Mädchen. Punkt. Keine Diskussion. Aber hat das was an meiner weiteren Entwicklung geändert?
    Ich bin so wie ich bin, heute würde meine Mutter das wahrscheinlich, da bin ich mir sicher, sogar unterstützen. Gottseidank sind die Zeiten dahingehend doch etwas besser geworden. Auch wenn es noch viel zu tun gibt in puncto Verstehen und Akzeptieren.


  3. ·

    Ja, die Zeiten haben sich verändert, da stimme ich euch voll und ganz zu. Meiner Meinung sind es die vorwiegend die älteren Generationen die noch das alte Rollenbild vor Augen haben.
    Unsere Nachkommen denken da vorwiegend schon liberaler.
    Das bleibt auch hoffentlich so!


    1. ·

      Ich habe die Erfahrung gemacht, dass gerade junge Mütter echt oft verzweifeln, wenn ihre Töchter Richtung Makeup und pink greifen


    1. ·

      Aber aus einem anderen Grund: sie haben Angst davor, dass ihre Töchter dadurch schwach werden


  4. ·

    Hm, ich hätte weniger Angst, dass meine Tochter schwach wäre, wenn ich pink, Glitzer und Schminke sehen würde … ich würde das oft mittransportierte ‚Mädchen‘ Klischee ablehnen, welches ich gesellschaftlich darin verortet sähe. Das unreflektierte „Mädchen sind eben so und so, Jungs haben so und so“ zu sein. Sicher, es ist immer das, was man draus macht, aber ich reagiere wegen der dahintersteckenden Geschlechterklischees negativ darauf.

    Und, wenn es sich in Kleidung und Verhalten ebenfalls spiegeln sollte, auf zu frühes Erwachsenwerden und in unpassende, weil nicht altersgemäße Rollen schlüpfen in einem gewissen Alter. (Nein, ich rede nicht von mal schminken, oder mal Schminke als Kriegsbemalung einsetzen.)

  5. Eva
    ·

    Ich glaube, ich wäre aus einem ganz anderen Grund traurig, wenn meine Tochter anfinge sich zu schminken. Meine Mutter schminkt sich und mag sich selber ohne nicht mehr sehen. Ich selber mag es, wenn sie auch mal „nackig“ im Gesicht ist.
    Deshalb habe ich nicht damit angefangen, weil ich mich immer so lieben will, wie ich eben aussehe. Ich bin jetzt (erst) 33 und bisher fühle ich mich damit pudelwohl.
    Das sind natürlich beides zwei Extreme. Aber ich hätte die Befürchtung, dass es meiner Tochter ebenso erginge, wie meiner Mutter. Dass sie sich morgens im Spiegel erst schön findet, wenn sie sich geschminkt hat.
    Liebe Grüße

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