Erfolgreich scheitern…

Nichts beherrsche ich so gut, wie etwas zu versuchen und damit zu scheitern. Ich scheitere oft und auf hohem Niveau.

Jahrzehnte lang versuchte ich als Mann zu leben und musste mir eingestehen: das geht schief. Den Karren hab ich ordentlich in den Sand gesetzt. Danach dachte ich: rein ins Leben als Frau. Aber so leicht war das nicht. Selbst als ich Ärzte und Behörden überzeugt hatte, glaubten (und glauben immer noch) Menschen, mir erklären zu müssen, ich wäre ein Mann. Frau sein hatte ich mir nicht so schwer vorgestellt.

Nun bin ich Frau und Papa. Für mich war es klar: meine Frau hat die Kinder geboren, ich habe sie gezeugt… Sie ist Mutter, ich bin Vater – die Vater. Aber dann (als ich anfing als Frau Papa zu bloggen) kamen trans auf mich zu: es wäre falsch, mich Vater zu nennen. Ja… Ich würde anderen mit meiner Entscheidung im Weg stehen.

Als ich die Namensänderung in den Dokumenten eintragen lassen wollte, gab es ein Hindernis: die Geburtsurkunden meiner Kinder. Da tauchte mein alter Name auf. Mich störte nicht, dass ich im Feld Vater stand, aber eigentlich stand nicht ich in der Urkunde, sondern der Mann, der ich nie war (ein Sinnbild meines Scheiterns also). Auf die Fragen, warum bekam ich vom Standesbeamten ein Urteil präsentiert: eine trans Frau hatte geklagt, um nach der Namensänderung (und PÄ) als Mutter in der Urkunde zu stehen und verloren. Seitdem könne man, so der Standesbeamte, da nichts mehr machen. Durch das Urteil ist nun ein Fremder der Vater meiner Kinder, ein Mann, den meine Kinder nie kennenlernen können. Und durch das Urteil wird mein deadname meine Kinder ihr Leben lang begleiten.

Aber darüber reden… Darüber reden, dass ich verstehe, warum ich als Erzeugerin meiner Kinder im Feld Vater stehe… Gescheitert.

Erklären, wie ich Vaterschaft betrachte? Gescheitert. Erklären, dass ich niemandem damit die Mutterschaft abspreche? Gescheitert. Erklären, dass ich die aktuelle Rechtslage kacke finde? Gescheitert. Erklären, dass ich die Klage genauso wie das Urteil nicht gut finde? Gescheitert. Erklären, dass Aussagen, die für trans unangenehm sind nicht automatisch transfeindlich sind? Gescheitert. Erklären, dass es einen Unterschied zwischen „meine Meinung ist nicht deine“ und „du bist vollkommen scheiße“ gibt? Gescheitert.

Da sitze ich nun – die Frau, die Papa ist – und trinke Kaffee, während ich meinem großen Kind Englisch Nachhilfe geben… Hoffentlich nicht Scheiternd.

21 Kommentare


  1. ·

    Tja, das wird immer eine schwierige Situation bleiben – wie soll man eine Frau als Erzeuger eins Kindes in Geburtsurkunden eintragen? Es wäre eventuell eine Möglichkeit eine Art Link / Verweis auf den neuen Namen 7 das neue Geschlecht des Erzeugers hinweisen, so dass in späterer Zeit eine Nachverfolgung / Ahnenforschung möglich bleibt. Habe ich dein Dilemma richtig verstanden?

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      1. ·

        Wäre auch eine Lösung, aber ich kann mir vorstellen das es nicht unwichtig ist, von wem die Eizelle und von wem die Spermien kommen.
        Auch wird man den Vaterschaftstest wohl auch nicht so schnell umbenennen ……

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    1. ·

      Ahnenforschung ist nicht mein Problem. Mein Problem ist, dass ich (Nina) nie urkundlich Vater meiner Kinder bin

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  2. ·

    Liebe Nina,
    ich kann verstehen, dass es sich nach Scheitern anfühlt. Nach da draußen, weil das alles von außen kommt. Weil alles reglementiert wird, weil Menschen eine Meinung anerzogen wird, weil alles begreifbar sein muss und generell schlecht ist, wenn es den eigenen Horizont übersteigt. Ich bin Mann, Papa, hetero. Ich könnte auch alles andere sein. Doch jemanden in eine Schublade zu stecken, ist mir zuwider. Du bist ein toller Mensch. Und das einzige, was ICH sehe? Die Menschen scheitern an dir, weil du genau das Richtige machst. Jeden Tag. Die richtigen Bezeichnungen mit dem richtigen Gefühl dazu. Danke, danke, danke für diese Offenheit, die auch mich am Anfang verwundert und jetzt berührt hat. ❤

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      1. ·

        Danke. Ich war gerade kurz erschrocken, weil deine Kommentare ja normalerweise einiges länger sind.

        Übrigens danke für die mail, das war einer der Denkanstöße, die ich brauchte, um nicht aufzugeben

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  3. ·

    Liebe Nina, ich habe dir auf Twitter schon geschrieben. Jetzt auch hier. Es ist kein Scheitern, es ist vielmehr ein enorm fordernder Kampf. Ein Kampf für mehr Toleranz, für mehr Akzeptanz, für mehr Liebe und Verständnis. Es tut mir weh zu lesen, wie schwer das für dich ist. Ich bin Cis, aber glaube dennoch so ein ganz kleines bisschen nachfühlen zu können, wie es sich wohl anfühlen muss. Zumal ich deinen Weg schon eine Weile verfolge. Doch kämpfst du schon lange nicht mehr nur für dich, sondern du kämpfst für so viele, die einen ähnlichen Weg vor sich haben. Wege entstehen, indem wir sie gehen! Du zeigst, dass es möglich ist Frau Papa zu sein, mit all den Herausforderungen die es mit sich bringt.
    Die Anfeindungen von Trans-Seite verstehe ich nicht. Ich habe sie aber, ehrlich gesagt, noch nie verstanden. Ich verstehe nicht, warum man als Cis-Mensch von Trans-Menschen angefeindet wird, ich verstehe noch weniger, warum du als offene Trans-Frau von Trans-Menschen angefeindet wirst. Möglicherweise lebe ich einfach zu gerne in meiner Gutmenschen-Blase in der man versucht Verständnis für den anderen aufzubringen, sich gegenseitig zu unterstützen und im Leben weiter zu bringen…. und ehrlich gesagt bin ich darüber nicht traurig.
    Ich freue mich, dass du wieder da bist, dass du eben nicht gescheitert bist an den ganzen Dummschwätzern da draußen, sondern weiter für mehr Toleranz und Akzeptanz arbeitest und vielen Menschen Hoffnung gibst. Danke dafür!
    (Endlich mal genug Platz nen richtigen Text an dich zu schreiben, Twitter ist da eher anstrengend 😉 )

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    1. ·

      Ich lebe auch in einer Gutmenschenblase auch wenn ich manchmal nicht versteh wie das noch geht wenn man soviel Hass erlebt hat wie ich.

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  4. ·

    Warum solltest du gescheitert sein?
    Kann man es nicht auch so sehen, dass der männliche Teil von dir deine Kinder gezeugt hat? Du wolltest diesen Teil nicht und hast dich nicht als Mann gefühlt. Ja, ist gut. Dennoch hat dieser dein damaliger männlicher Teil seinen Anteil geleistet, dass es deine Kinder überhaupt gibt. Das ist doch gut! Heute bekennst du dich zu deinen weiblichen Anteilen. Auch nach außen hin. In die Öffentlichkeit. Damit du für dich endlich glücklich sein kannst. Du hast viel erreicht. Deine Frau ist immer noch bei dir. Deine Kinder ebenfalls.
    Ich sehe hier nirgendwo ein Scheitern.

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  5. ·

    Erklären, wie du Vaterschaft betrachtest? Erledigt – wird nur von dummen/ignoranten Menschen nicht verstanden.
    Erklären, dass du niemandem damit die Mutterschaft abspichst? Erledigt – wird nur von dummen/ignoranten Menschen nicht verstanden.
    Erklären, dass du die aktuelle Rechtslage kacke findest? Erledigt – wird nur von dummen/ignoranten Menschen nicht verstanden.
    Erklären, dass es einen Unterschied zwischen „meine Meinung ist nicht deine“ und „du bist vollkommen scheiße“ gibt? Erledigt – wird nur von dummen/ignoranten Menschen nicht verstanden.

    Worte gefunden für ein wichtiges Thema? Geschafft.
    Menschen zum Nachdenken angeregt? Geschafft.
    Die ignorante Gesellschaft ein bisschen gekitzelt? Geschafft.
    Menschen inspiriert?
    Geschafft.

    Dein Titel sagt alles, liebe Nina – „Erfolgreich scheitern“.
    Nur, dass die Betonung nicht auf „scheitern“, sondern auf „erfolgreich“ liegt… 😉

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  6. ·

    Ist diese Änderung in den Geburtsurkunden Deiner Kinder wirklich so wichtig für Dich?
    Du wirst doch jetzt als Frau anerkannt und Deine Kinder wissen um die Umstände wie es dazu kam.
    Du hast die Kinder mit Deiner Frau gezeugt indem Du Deinen Samen abgabst. Du stehst zu dem und auch zu dem, was Du für Dich entschieden hast. Dann soll es doch ruhig auch eine Welt vor und nach deiner Veränderung geben.

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  7. Antje Louis
    ·

    Hallo Nina,es gibt immer viele Meinungen, Standpunkte zu einem Thema!!Warum kann man nicht tolerant sein & viele Sichtweisen zuzulassen???Also Katia ist auch die Papa von unserer Tochter und wird auch so von ihr genannt.Warum soll unsere Tochter das verleugnen oder ändern? Was würde das auch mit ihr machen? Für unser kommendes Enkelkind ist Katia allerdings die Oma/Omi,genauso wie ich!!Denn sie(es wird ein Mädchen) lernt Katia als „weiblich“kennen.Aber Katia lässt zu ,daß es auch ein Leben vor Katia gab.Die Vergangenheit kann man nicht verleugnen.Was hätte es auch sonst mit unserer 27- jährigen Ehe gemacht????Wenn alles „schlecht“war , hätten wir sicher nicht gewagt nun gemeinsam weiter zu machen.
    Ich hoffe es wird ruhiger in unserem Leben,aber ich glaube das Thema wird uns in vielen Bereichen weiter begleiten.Leben ist Auseinandersetzung,und nicht immer gefällt es mir.Es ist „anstrengend“!Ich finde es gut ,daß wir uns nicht unterkriegen lassen.Mit unserer Enkelin freue ich mich ,daß ein neues Thema in unser Leben kommt.Liebe Grüße,Antje

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