Beziehungsfragen – wer ist hier der Mann…

Als ich noch in nach außen heterosexuellen Beziehungen lebte, kam niemand auf die Idee, meine Frau nach ihrer sexuellen Orientierung zu fragen. Ich wurde genau betrachtet nicht ein einziges Mal nach meinen Genitalien gefragt und die Rollenverteilung in der Beziehung schien auch niemanden zu interessieren.

Das ist nun ganz anders. Meine Frau macht es den Menschen auch zusätzlich schwer, denn sie arbeitet in einer Umzugsfirma und das wäre ja ein typischer Männerberuf. Ich kann nicht mehr zählen, wie oft ich gefragt wurde, ob meine Frau nun lesbisch sei und wer bei uns zuhause der Kerl wäre? Wer bei uns oben liegt und ob sie denn meinen Penis vermisse? Wie es denn so sei, nach der OP? Und ob ich denn meinen Penis vermisse? Wie wir denn Sex hätten und ob ich, wenn meine Frau meinen Penis vermissen würde, zulassen könnte, wenn sie mit einem anderen Mann schläft (anderer? als wäre einer hier)? Ob ich über die denn Stimulation der Prostata kommen könne? Ob ich denn jetzt mit einem Mann schlafen wolle?

Ja, ich kann verstehen, dass viele enschen neugierig sind, aber egal wie ich es drehe und wende: ich käme nicht auf die Idee so etwas zu fragen. Es geht um das Intimleben eines Paares. Intim – nicht Im Team. Ich rede ja gern über verschiedene Dinge, aber es geht eigentlich niemanden etwas an, wer bei uns wann wie oben oder unten oder an der Seite liegt.

Wie könnte man also, wenn man schon von Neugierde zerfressen wird mit dem Thema umgehen?

  • Die sexuelle Orientierung einer Person ist Privatsache. Redet sie darüber, dann sind auch Fragen dazu in einem gewissen Namen meist okay. Wenn eine Frau mit einer Frau zusammen ist, dann ist sie nicht automatisch lesbisch. Wenn ein Mann und eine Frau zusammen sind, dann bedeutet das ja auch nicht, dass beide hetero sind.
  • Die Genitalien einer Person sind kein Allgemeingut. Ja, ich bin trans, ja, ich hatte eine OP und ja, ich beantworte auch Fragen. Am liebsten ist es mir, wenn ich gefragt werde, ob es okay ist mit mir über die OP zu reden.
  • Was meine Frau und ich machen würden, wenn eine von uns meinen Penis vermissen würde… geht genau die Personen an, die daran beteiligt sind. Ob das wir zwei oder mehrere Personen sind… auch das geht nur die Beteiligten was an. Und nein, bisher gab es noch keine Situation, in der er fehlte.
  • Und wenn zwei Frauen (trans oder nicht) zusammen leben, dann brauchen die beiden nicht zwingend einen Mann. Es gibt also nicht unbedingt einen Mann im Haus. Und viele Beziehungsmodelle basieren auf Gleichberechtigung, da hat auch nicht eine Person die Hosen an.

Ich kann Neugierde Verstehen, aber alles, was in den Bereich Intimleben fällt, sollte bei allem Wissensdurst mit ein wenig Respekt behandelt werden. Ja, ich weiß, normalerweise habe ich einen viel flauschigeren Tonfall. Das gelingt mir bei diesem Thema nicht. Stellt Euch vor, jeden Tag kämen wildfremde Menschen auf Euch zu und stellen Euch Fragen. Fragen zu eurem Sexleben, zu den intimen Details. Alle meinen es gut, alle sind höflich und alle sind nur neugierig. Stellt Euch vor, Euch würde jemand fragen, ob es für Euch okay wäre, wenn jemand anderes mit Eurer Frau schläft, ob Euer Mann denn über die Stimulation der Prostata kommen könne. Stellt Euch vor jemand fragt Euch … und jeden Tag, wenn eine neue Nachricht in einem sozialen Netzwerk eingeht oder WhatsApp heiß läuft, müsst ihr mit so einer Frage rechnen.

Stellt Euch das mal vor. Und wenn ich einmal nicht antworte, dann kommt „du breitest doch sonst dein Leben in der ÖFfentlichkeit aus“.

Ich überlege, genau das nicht mehr zu tun. Ich überlege zu schweigen. Aber das will ich nicht.

11 Kommentare


  1. ·

    Ich kenne diese indiskreten Fragen. Ist mir sogar schon in der S-Bahn passiert. Einfach, weil ich nicht so aussah, wie der Typ es gern gehabt hätte. Fragt der mir Löcher in den Bauch. Nach meinen Genitalien. In der S-Bahn. Und ich bin so blöd und antworte. -.-

    Ich war das einfach so gewohnt, vom Therapeuten, vom Gutachter, vom Gericht, dass ich sowas zu beantworten habe, nur weil ich trans* bin.

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  2. Mariella
    ·

    Ja genau! Super geschrieben. Gegenüber Personen des öffentlichen Lebens, die Du ja bist, scheint halt in einigen Leuten ein kleiner (und manchmal leider auch ein größerer) Paparazzi zu stecken. Auch Promis haben ein Recht auf Privatsphäre!

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  3. Ilka
    ·

    Oje…

    Ertappt…

    Es tut mir so leid.. klar ist das persönlich.. das sehe ich auch so.. aber auch ich habe meine Kinder schon gefragt wie das im Bett jetzt läuft.. mein großer (23 jahre) ist als Mädchen geboren und seit 2 Jahren in Hormonbehandlung. Mein mittlerer (18) ist seit 4 Monaten mit einem Mädchen zusammen was als junge geboren wurde. Bei beiden fehlt die geschlechtsangleichung noch.. wir sind eine offene Familie. . Und können auch darüber reden.. die Kids haben mir all meine fragen beantwortet. Aber nach deinem Artikel fühle ich mich jetzt schlecht.. bin ich zu weit gegangen??

    Klar ich bin kein fremder dennoch ist es ja ihre Sexualität

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    1. ·

      Und wichtig ist: man sollte Verständnis dafür haben, wenn die Person antwortet, dass sie nicht antworten will. Und das hättest du sicher verstanden

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    1. ·

      Danke. Ich habe manchmal den Eindruck, dass Frauen generell anders auf sexuelle Themen angesprochen werden.

      Jetzt könnte man natürlich sagen, dass Frage wie „die Alte, mit der du auf der Party warst, hast du die flachgelegt?“ unter Kerlen durchaus üblich sind, aber….. Naja… Ich finde es komisch, wenn Intimsphäre ungefragt öffentliches Thema wird

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  4. Kathrin
    ·

    Hallo!

    Ich wollte dir mal sagen, dein Blog, deine Familie und was du auf Twitter postest ist toll! Bleib so wie du bist und ich hoffe, dass du auch beruflich bald wieder so Fuß fassen kannst wie du es dir wünscht!
    Freu mich auf weitere Beiträge 🙂
    Alles Liebe!
    Kathrin

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