Selbstfürsorge – eine gute Idee, wenn man es sich leisten kann

Gerade liege ich in der Wanne, der Schaum knistert, der Lüfter im Badezimmer schnurrt. Es ist ruhig. Es ist me-time.

Heute vormittag las ich einen Tweet von Nora Imlau:

Ich habe mir den ganzen Tag lang Gedanken gemacht. Selbstfürsorge. Prioritätrn setzen, dass es mir im normalen Alltag gut gehen kann. In meinem Alltag, so stellte ich fest, ist das schwierig.

Ich habe schon lange keine Freunde mehr in meinem realen Umfeld. Armut bewirkt, dass man normale soziale Kontakte nur schwer pflegen kann. Kurz Kaffee trinken oder mal ins Kino gehen? Geht nicht. Mädelsabend… Ohne Kohle ist das ein kurzes Vergnügen.

Gesundes Essen. Der Fokus meiner Küche liegt seit Jahren auf den Bedürfnissen der Kinder. Damit meine Kinder Obst und Gemüse, frisch zubereitete Mahlzeiten haben können, muss ich Abstriche machen. Diesen Monat hatte ich tatsächlich mal selbst Obst: ein paar Orangen und eine Grapefruit. Oft war das nicht möglich. Ich freue mich schon wieder auf die Zeit, in der die Brombeeren reif sind.

Armut ist Stress. Jeden Tag, jeden Cent rechnen. Nicht wissen, wie es weiter gehen soll. Nahrung ist nur eine Sorge. Ich habe seit sechs Jahren eine Zahnlücke, weil ich mir keine Brücke leisten konnte. Einmal konnte ich mir ein paar Tage vor Monatsende die Antidepressiva nicht mehr leisten, ohne Pfandflaschen am Bahnsteig zu sammeln. Ich habe das Kopiergeld der Kinder in der Schule noch nicht bezahlt und meine Krankenhausrechnung von der OP ist auch noch offen. Armut ist Stress. Oft leidet unter diesem Druck die Beziehung. Dann ist es schwer, die Nähe der eigenen Frau zu suchen und anzunehmen. Da löst selbst das Lachen der Kinder Tränen und Ängste aus.

Hartz IV kennt keinen Urlaub. Ja, man kann ein paar Wochen woanders hinfahren, wenn man sich beim jobcenter abmeldet. Aber die Probleme nimmt man (wenn man nicht von Verwandten oder Freunden durchgefüttert wird) einfach mit. Es gibt bei Armut keine Auszeit. Man kann keinen Babysitter bezahlen und mal abends ins Kino oder in eine Bar gehen. Wir haben manchmal der großen Tochter eine Packung Chips und den Rest Kleingeld aus dem Portmonee gegeben und sind zusammen ein paar hundert Meter gegangen. Kinderfrei light.

Selbstfürsorge.

Ich liege in der Wanne. Jederzeit kann jemand rein, denn im Bad ist das Klo. Ich entspanne so gut ich kann. Ein Geschenk von Freunden auf Twitter ermöglichte es mir, nach vielen Jahren erstmals wieder in die Sauna zu gehen. Geschenke… Kleine und große Geschenke hielten mich in den letzten Jahren über Wasser. Vor allem emotional. Jeden Tag, wenn meine Kinder die Schulranzen nehmen, denke ich an die Spenden, die wir bekommen haben.

Twitter ist mein soziales Netzwerk. Hier sind meine besten Freunde, meine engsten Vertrauten und hier kann ich ich sein. Ohne Maske. Ohne finanzielle Schwäche. Ohne…. Ohne mich arm zu fühlen. Twitter ist meine Selbstfürsorge. Twitter und meine Badewanne. Danke <3

10 Kommentare


  1. ·

    Wie gut ich das verstehe, auch wenn Twitter für mich, als Asperger-Autistin ein Graus ist – aber, dass mit dem sich etwas nicht leisten können und so am Leben vorbeilaufen. Es gibt Tage, da rede ich nur mit den Junioren, weilˋs einfach nicht drin ist, auf einen Kaffee ins Bäckerlädle zu gehen. Die Kids gehen morgen Eis essen und ich freu mich drüber…

    Antworten

    1. ·

      Twitter ist definitiv nicht für alle Menschen die ideale Kommunikationsform. Es ist meine Nische geworden.

      Ja… Eis für die kids und keinen Kaffee. Kenne ich sehr gut. Ich kenne es, den Kindern unterwegs etwas zu trinken zu kaufen und selbst zu warten, bis man zuhause ist und Leitungswasser hat

      Antworten

  2. ·

    Ich verstehe das sehr gut. Uns gehts nicht anders. Zwar bekommen wir kein Hartz 4, aber mein Mann ist Alleinverdiener, da ist auch nicht viel drin. Liebe Grüße Nicole G

    Antworten

  3. ·

  4. ·
  5. Su
    ·

    Liebe Nina,
    ich weiß nicht aus welcher Ecke in Deutschland du kommst, aber eventuell gibt es bei dir ja Foodsharing? Das kann jeder machen und man rettet nicht nur Lebensmittel vor dem weggeworfen werden, sondern kann dadurch auch Geld sparen und hat oft Obst, Gemüse oder andere Lebensmittel, die man sich nicht gekauft hätte. Spannend ist es auf jeden Fall auch. Vielleicht ist das ja eine Möglichkeit für dich bzw. Euch?
    LG Su

    Antworten

    1. ·

      Hallo Su,

      Erstens ist das food sharing hier nach kurzer Zeit wieder eingestellt worden.

      Zweitens würde das nur einen kleinen Teil des Problems verändern.

      Frohe Ostern, Nina

      Antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere