Verzeihung, aber ihr Penis ist im Bild…

Ich bin ja nicht gerade aufs Maul gefallen. Die meisten Menschen erleben mich als eher direkt und schlagfertig. Heute ist der #IDAHOT, das ist der Tag gegen Homo-, Bi- und Transfeindlichkeit und irgendwie bin ich heute so gar nicht aktivistisch gelaunt. Beziehungsweise hatte ich einen ruhigen Tag mit Kaffee, Musik, Recherche für die Arbeit vor und dann kam eine kurze Diskussion auf Twitter über den Umgang mit ungewünscht zugesandten Penisfotos.

Die Diskussion verlief ruhig und sachlich und danach habe ich mal einen Blick in meine Direktnachrichten geworfen. Ich habe mir die Unterhaltungen der letzen 14 Tage angesehen. Die meisten Menschen kenne ich, einige Gespräche mit Menschen die Infos zu trans Themen suchten und dann waren da noch die „Kerle“. Genau die suchte ich jetzt.

In den letzten 14 Tagen erhielt ich 26 Anfragen von Männern. Einige gaben nach einiger Zeit Smalltalk einfach auf. Andere verstanden auch nach vielfachem „Nein“, „Ich habe kein Interesse“ nicht, dass ich nichts von ihnen wollte. Und dann waren diese 6 Penisfotos. Ungefragt zugesandt. Konversationen die mit „Hallo“ anfingen, über „Ich suche nur eine Freundschaft“ oder „Was machst du gerade?“ weiter gingen und schwupp: Schwanzbild.

Inzwischen habe ich ein kleines Repqertoire an Antworten (ihr könnt Euch vorstellen, dass ich bei 5-6 Penissen alle 14 Tagen Übung bekomme). Die meisten Männer brechen das Gespräch schnell ab, wenn ich als Antwort fragen, was das soll. Warum ich die Auserwählte bin, die … ach… Was soll ich sagen? Ich habe diese Belästigung einfach satt. Und ja, ich habe schon geantwortet „meiner war schöner“ und auch „Verzeihung, aber ihr Penis ist im Bild. Ich glaube sie haben den falschen Anhang ins falsche Fenster geschickt.“

Wisst ihr, was mich wirklich beschäftigt? Die meisten Kerle werde ich nicht wirklich leicht los. Sie sind hartnäckig. Erst, wenn ich von meiner Homosexualität schreibe oder anspreche, dass ich trans bin, dann ist ziemlich schnell Schluss.

Ja, heute ist #IDAHOT und eigentlich wollte ich dazu gar nichts schreiben, weil unsere Gesellschaft so verständnisvoll, offen und tolerant ist. Weil ein coming out ja heutzutage gar kein Problem mehr ist. Weil homosexuelle Paare überall hin reisen können und sich überall frei bewegen können. Weil dieses ganze queere Zeug überall zu sehen ist. Weil sich ja eh niemand mehr aufregt, wenn zwei Männer sich in der Öffentlickeit küssen. Weil …

Als ich in den 80er/90er Jahren mit meinen schwulen Kumpels unterwegst war, dachte ich: oh, wir bewegen was. Die Welt wird offener. Gesetze wurden geändert, Homosexualität war in meinem Umfeld sichtbar und vollkommen okay und es wirkte auf mich so, als wäre die Welt dabei, offener mit Menschen umzugehen, die nicht ins Bild der hetero Paarbeziehung passten.

Ich lag falsch. Es ist noch ein weiter Weg.

8 Kommentare


  1. ·

    Liebe Nina, darf ich deinen Artikel mit in meinem zum heutigen Tag verlinken, er passt so gut. Besonders der vorletzte und letzte Absatz. Ich und ein Freund, der sich damals als lesbisches Mädchen bezeichnete, aber dann herausfand, dass er ein Transmann ist machten Ende der 90er als entweder eine der ersten oder vielleicht so die ersten ein Forum auf für Homo- Bi- und Transsexuelle mit Behinderung – und wir dachten, wir könnten damit wenn schon nicht mehr für uns während wir jung waren, dann für die Generation nach uns etwas rausholen. Sichtbarkeit, Akzeptanz… Ich war die erste, die auf einer englischsprachigen Literaturplattform 1999 auf der auch alles mögliche nebenher diskutiert wurde Foren für GLBT people aufmachte, ich dachte damals nicht darüber nach worum mir so viele dafür gedankt haben und ich habe oft gedacht, wir sind irgendwann weiter. Weiter ja, aber noch nicht da.

    Was bei dir die Penisfotos und die aufdringlichen Kerle ,sind sind bei mir übrigens seltsame Fragen ob ich nur deshalb lesbisch sei, weil ich als Behinderte ja eh keinen Sex haben könnte. Wäre ich auf Twitter (ich lese ohne Account) wäre mein DM-Fach wahrscheinlich voll davon.

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    1. Nina Jaros
      ·

      Selbstverständlich darfst du verlinken!

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    2. Nina Jaros
      ·

      Sexualität und Behinderung ist ohnehin ein schweres Thema

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      1. ·

        Ja und nein. Das kommt meines Erachtens nach weitestgehend durch das Modell, das man in Deutschland von Behinderung hat, dieses Abwerten bzw. Reduzieren auf er/sie/es „funktioniert nicht“. Ich habe lange an ausländischen Schulen gearbeitet (in Positionen, in die ich an deutschen Schulen als Bibliothekarin nie gekommen wäre) und da mitbekommen wie dort damit umgegangen wurde. Sehr anders, sehr viel positiver. Wenn du mit „schwer“ komplex meinstest, das ja. Auf jeden Fall.

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  2. Svenja
    ·

    Es ist nicht nur noch ein weiter Weg, sondern das Ziel rückt in immer noch weitere Ferne. Unsere tendenziell trans- und homophobe Gesellschaft wird unter dem Deckmäntelchen der Toleranz bereichert um Menschen mit bestenfalls mittelalterlich zu nennen den Moralvorstellungen, in den Herkunftsländern Leute wie wir zu Tode gesteinigt würden. Der zunehmende Rechtsruck europäische Regierungen ist da auch alles andere als ein Lichtblick.

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  3. ·

    Hallo Frau Papa. Ich finde deinen Beitrag wie immer sehr gut geschrieben. Das mit den Penis en auf Bildern ist aber ein generelles Problem. Egal ob bei Homo, hetero oder trans man verschickt ungefragt keine Penis Bilder. Das ist unhöflich, aufdringlich und macht nicht sympathisch. Das wäre ja so wie wenn ein Arbeitgeber einen „klugen Kopf“ für sein Unternehmen sucht und statt einer Bewerbung das Mrt Bild des Gehirns des bewerbers bekommt. Es sagt nichts aus. Ein Penis sagt auch nichts aus. Die das aber trotzdem machen haben eindeutig ein echtes Problem mit sich selbst, oder glauben sonst nichts vorweisen zu können. 😉 Beim nächsten ungefragt Penis Bild müsste man schreiben „ach du ärmste, ist das alles was von dir noch übrig ist?“. Alles liebe c.

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  4. Fenya
    ·

    um unaufgefordert Penisbilder zu bekommen musst du nicht trans sein. Es reicht wenn du als cis-Frau auf Fetischwebseiten unterwegs bist.

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