Trans bin ich nur in euren Augen…

Gehen wir davon aus, dass ich im Alltag kaum über mein Anderssein nachdenke. Wieso sollte ich das auch? Für mich ist es ganz normal, mein Leben zu leben.

Morgens wache ich auf. Also ganz so leicht ist das nicht. Meistens hat sich mein Körper schon einige Zeit vorher aus dem Bett ins Bad begeben, sich mit Frühstück versorgt und mich soweit kultiviert, wie es der Autopilot hinbekommt. Irgendwann schaltet das Bewusstsein sich dazu und findet einen halb fertigen Einkaufszettel in meiner Handschrift, auf dem irgendein Scherzbold „Gleitmittel oder Zyankali“ geschrieben hat.

Ich wache auf und beginne den Tag. Kommunikation, Kaffee, alltägliche Kleinigkeiten. Ich versuche, wenn ich die Wohnung verlasse, vorher einen einigermaßen erträglichen Zustand hinzubekommen… In meiner Wohnung und meinem Gesicht. Der Bart ist immer noch zu sichtbar… Ich kenne die Reaktionen darauf… Es trifft mich immer, aber ich kann es nicht ändern. Gelegentlich brauche ich eine „don’t worry, be happy“ Pille, um den Mut aufzubringen, raus zu gehen… Draußen, da wo andere Menschen sind.

Beim Einkaufen denke ich darüber nach, ob ich Brötchen oder ein Baguette nehme, entscheide mich zwischen vierhundert Marmeladesorten und versuche mir beim Kühlregal vorzustellen, dass eine nette Person mit französischem Akzent mich bei der Käseauswahl berät. Menschen sehen mich. Manchen Menschen sehe ich an, dass ich in ihren Augen anders bin.

Den Großteil meiner täglichen Beschäftigung verbringe ich mit Kommunikation. Ich unterhalte mich über Mail, soziale Netzwerke und Telefon mit einem ganzen Haufen Menschen. Meine Routine in Gesprächen sitzt so tief, dass mein trans sein maximal 1-2 Sätze in einem Telefonat ausmacht.

Betrachte ich die Blicke und Telefonate mal genauer, merke ich, dass ich mein trans sein nur aus einem Grund erklären muss: weil ich in den Augen anderer anders bin.

Für mich ist es selbstverständlich, Damentoiletten aufzusuchen. Für mich ist logisch, Kleidung zu kaufen, die von den Herstellern einer weiblichen Kundengruppe zugeschrieben wird. Für mich ist es logisch: ich bin eine Frau.

An irgendeinem Punkt in den letzten Jahren habe ich aufgehört, ständig über mein trans Sein nachzudenken. Nur der Kontakt mit anderen führt es mir vor Augen. Genauer gesagt: trans bin ich nur, wenn Menschen mit zeigen, dass mein Anderssein für sie ein Problem darstellt.

Abends auf dem Sofa, bin ich ein Kissen für meine Kinder und für die Meerschweinchen bin ich die Frau, die immer zu wenig zum Essen dabei hat.

Und später, wenn die Kinder im Bett sind, wenn ich mein Handy zur Seite lege, um meine wunderschöne Frau in den Armen zu halten, dann bin ich… Ich.

Ich bin kuschelig, rund, immer hungrig, kaffeesüchtig, gesprächig, zickig, haarig, ungeduldig, geduldig, wechselhaft, sexy, depressiv, nachdenklich, liebenswert, vielseitig, triebhaft, genussgetrieben und noch vieles mehr. Wenn ich in deinen Augen nur trans bin, dann liegt das definitiv nicht an mir.

14 Kommentare

  1. Mariella
    ·

    Oh wow Nina!! Zusammen mit dem Beitrag über Trans*freundlich ist das mit das Beste, was ich je in dieser Sparte gelesen habe. Hat dich echt noch kein Verlag für eine Kolumne entdeckt?!?
    Es ist so treffend, rührend, authentisch, stilvoll…!! Danke!!!!

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    1. Nina Jaros
      ·

      Nein, bisher noch keine solchen Angebote

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  2. Lune
    ·

    Ich bin hier über Tara hingekommen. Wunderbare Worte. Denn der Mensch ist so viel mehr als er zu sein scheint. Danke für den kleinen Einblick

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    1. Nina Jaros
      ·

      Ich hab nachgesehen: alle Bestandteil 100% Bio

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  3. ·

    Ich kenne Dich nicht persönlich … aber für mich bist Du MENSCH.
    Genau wie mein ehemaliger Chef. Er ist schwul. Für einige ein Problem, für mich Mensch ! So und nicht anders sollte es sein !

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  4. ·

    Ich liebe diesen Beitrag, Nina. Nie einen von dir gelesen, der mich mehr inspiriert hat. Und das heißt was.

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    1. Nina Jaros
      ·

      Ich freue mich sehr, dass dieser Beitrag dich inspiriert. Es war einer der Texte, bei denen ich lange überlegt habe, ob ich ihn veröffentlichen soll

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