Kinderarmut – ein Thema ohne Lobby

Warum eine Petition gegen die Anrechnung von Kindergeld bei ALG II?
Warum https://www.change.org/kindergeld/?

Vielleicht liegt es daran, dass ich selbst ALG II bezogen habe. Vielleicht liegt es daran, dass ich erlebt habe, wie es ist, nach dem Elternabend der Lehrerin zu erklären, dass knapp 25€ für „Kopiergeld“ nach dem Schulanfang und den ganzen Ausgaben (Heft, Stifte, Sportklamotten) einfach nicht drin sind. Vielleicht liegt es daran, dass ich an irgendeinen Punkt lernen musste, Hilfe und Sachspenden anzunehmen… weil es ohne nicht ging.

Kinderarmut ist ein Thema, bei dem ich immer wieder merke, dass es Menschen betroffen macht, aber kaum jemand wird aktiv und setzt sich dagegen ein. Kinderarmut hat keine Lobby. Schuld sind – wie in den meisten ALG II Diskussionen – die Eltern, die „nicht arbeiten wollen“ und überhaupt… Dann höre ich Vorurteile wie „wer will kriegt Arbeit“ (stimmt nicht), „die kümmern sich eh nicht um die Kinder“ (stimmt auch nicht) und ich kriege jede Menge Beispiele von Menschen, die angeblich voll locker von ALG II leben, denen nix fehlt und denen sowieso vom Staat ALLES bezahlt wird. Verzeihung, aber die Realität sieht anders aus.

Kinderarmut bedeutet nicht, dass die Kinder verhungern (Ich gehe mal nicht drauf ein, wie gesund man Kinder vom Regelsatz, der 2,70 € pro Tag für alle Mahlzeiten vorsieht, ernähren kann). Kinderarmut bedeute, dass die Kinder geringere Bildungschancen haben, dass Kinder an vielen Dingen (Kultur, Freizeitleben) nicht teilhaben können. Es bedeutet oftmals soziale Ausgrenzung.

Kinder aus armen Familien haben ein extrem hohes Risiko auch als Erwachsene arm zu bleiben. Es ist also im Interesse der Allgemeinheit, diese Armut zu verhindern: Menschen, die in Armut leben, bringen dem Staat weniger Einnahmen – lebenslang!

Wie viele Kinder sind betroffen?
Von 24 Kindern leben 5 Kinder in Armut. Hier in Deutschland.

Die Politik hat nun beschlossen gegen Kinderarmut vorzugehen. Zumindest heftet sie sich das an die Fahnen. Was passiert: Das Kindergeld soll erhöht werden. Das klingt großartig. Immerhin sind die paar Euro gerade für arme Familien schon echtes Geld. Nur: Kindergeld wird bei ALG II vollständig als Einkommen angerechnet.

Was bedeutet das?
Erhöht sich das Kindergeld um 1 €, wird automatisch 1 € weniger ALG II bezahlt. Die ärmsten Familien bekommen ABSOLUT NICHTS von der Erhöhung. Dass auch Unterhalt/Unterhaltsvorschuss angerechnet wird, möchte ich hier auch kurz erwähnen. Aber mir geht es jetzt darum, dass die Regierung vorgibt, mit der Erhöhung von Kindergeld #gegenKinderarmut vorzugehen. Das stimmt einfach nicht.

Ich höre in den Diskussionen immer wieder ein paar Argumente:

  1. Das Geld käme ja sowieso nicht bei den Kindern an!
    Eine Erhöhung um 10 € pro Monat würde für eine Familie pro Tag 33 Cent mehr pro Tag bedeuten. Die Regelsätze für Kinder werden seit Jahren als zu niedrig kritisiert. 33 Cent am Tag mehr zu haben bedeutet eine kaum sichtbare, für Betroffene aber sehr wohl spürbar Verbesserung. Was genau soll sich mit 33 Cent pro Tag denn nach außen verändern? Es ist nicht einmal ein Apfel pro Tag!
    33 Cent pro Tag weniger als andere zu haben bedeutet einen spürbarer Einschnitt.
  2. Kindergeld ist eine steuerliche Regelung, ALG II bezahlt keine Steuern usw…
    ALG II Bezieher bekommen Kindergeld – es wird aber angerechnet und kommt somit nicht an. Will man bestehende Regelungen nicht ändern muss als Mittel #gegenKinderarmut einfach mit jeder Erhöhung des Kindergeldes der Regelsatz für Kinder genau gleich mit angehoben werden.
  3. Arbeitende Familien sollen stärker unterstützt werden.
    Sehr viele Menschen arbeiten in Teilzeit oder Minijobs und beziehen trotz Arbeit ALG II. Warum bekommen diese Familien nichts von der Erhöhung.

Egal, wie ich es drehe: Deutschland ist ein reiches Land und alle Kinder sollten eine faire Chance für den Lebensweg haben. Kinderarmut in Deutschland ist eine Schande! Ein Schritt wäre: Kindergeld nicht mehr als Einkommen anzurechnen bzw. Erhöhungen weiter zu geben.

Kinderarmut trifft KINDER – nicht Alleinerziehende, nicht Eltern, nicht Menschen mit Migrationshintergrund – ja, das sind alles Faktoren, die das Armutsrisiko erhöhen. Kinderarmut trifft Kinder. Jeden Tag. Jetzt. Es ist Zeit für einen ersten Schritt.

Daher unsere Petition: NEIN! Zur Anrechnung von Kindergeld bei ALG II
https://www.change.org/kindergeld/

3 Kommentare


  1. ·

    Dann höre ich Vorurteile wie „wer will kriegt Arbeit“ (stimmt nicht), „die kümmern sich eh nicht um die Kinder“ (stimmt auch nicht) und ich kriege jede Menge Beispiele von Menschen, die angeblich voll locker von ALG II leben, denen nix fehlt und denen sowieso vom Staat ALLES bezahlt wird. Verzeihung, aber die Realität sieht anders aus.

    Genau das! Danke!

    Ich habe deinen Artikel noch mal in die Linksammlung im nicht mehr öffentlichen Blog genommen, vielleicht öffnet er noch jemandem die Augen.

    Liebe Grüße

    Antworten

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