Liebe Gaffer…

Der Zug wackelt und ich hatte noch keinen Kaffee. Es ist früh, grau und kalt. Ich bin am Weg nach Bielefeld – leider nicht alleine.

Ja, ich weiß, dass ich anders bin und dass Menschen deshalb mit Neugierde reagieren. Ich werde angesehen. Nein, keine flüchtigen Blicke. Ich werde angestarrt, teilweise mit offenem Mund.

Liebe Gaffer,

wenn ihr eine trans Person seht, dann macht den Mund zu. Sobald ihr merkt, dass die Person euch ansieht, schaut weg – besser: lächelt die trans Person an und schaut dann weg. Wenn die Person euch winkt, dann hat sie euren Blick bemerkt (und ihn ziemlich sicher auch satt), also: Blickrichtung wechseln!

Wenn die Person sagt: „Sie können ruhig schauen, davon geht es nicht weg!“ ist es eine schlechte Idee, zu behaupten, ihr hättet komplett zufällig/gar nicht in die Richtung geschaut.

Und „ich hab mir da nix gedacht“, wenn ihr die trans Person fünf Minuten angafft, spricht nicht für eure Hirnleistung.

Liebe Grüße, eine trans Person

Und hört auf „das ist doch Neugierde“ oder „vielleicht siehst du einfach gut aus“ zu sagen. Das erinnert mich an die „Begründungen“ an Frauen, die Belästigung erleben… „was hattest du denn an?“, „vielleicht fand er dich einfach attraktiv“, „eventuell hast du ihm Signale gegeben,…“

Schaut kurz hin, lächelt und dann macht das, was ihr sonst auch macht!

12 Kommentare


  1. ·

    So ist das wenn man nicht in die Norm passt, dann ist man exotisch, mutig, verrückt, fällt auf.
    Ich seh das z,B. bei unserem „Putzmann“.
    Er liebt Rosa. Seine Kleidung, seine Accessoires.
    Er ist ein Einzelgänger, ich habe ihn noch nie in Begleitung gesehen. Aber was ich sehe ist, das es immer aussieht, als wäre er auf der Flucht.
    Auf der Flucht vor Menschen, die ihn nicht verstehen, nur schnell weg aus der Öffentlichkeit.
    Selbst nach 3 Jahren schauen immer noch alle blöd.
    Er geht in Therapie um seine Mitmenschen besser verkraften zu können, am liebsten würde ich die Gaffer in Therapie schicken, oder wünsche ihnen einen Mörderpickel mitten auf der Nase, damit sie das Gefühl kennen lernen angestarrt zu werden.

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    1. Nina Jaros
      ·

      Ich kann verstehen, dass er Einzelgänger ist

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  2. Luna
    ·

    Liebe Nina,

    ich muss zu meiner Schande gestehen, dass noch vor 10 Jahren ich ebenfalls zu den „Glotzern und Gaffern“ gehörte, weil das Thema Trans für mich völlig neu und faszinierend war. Das Schauen passierte bei mir tatsächlich, weil mich der Mensch interessierte und ich oft dann so in Gedanken war, dass ich „vergaß“ wegzuschauen.
    Erst Jahre später ist mir mein peinliches Verhalten bewusst geworden und ich habe mich sehr geschämt. Was ich versuche zu sagen: Nicht jeder Blick ist böse gemeint, nicht jeder Mensch ist bis zur Oberkante Oberlippe voll mit Vorurteilen…dennoch tut es mir trotzdem, dass ich eine von vielen war, die Ihnen/ihnen soviel Leid und Unwohlsein zugefügt hat.

    Beste Grüsse,
    Luna

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    1. Nina Jaros
      ·

      Danke für deine Offenheit. Ich verstehe durchaus, dass nicht jeder Blick böse gemeint ist. Darum sage ich auch… Kurz hinsehen, lächeln, weiter mit dem Alltag… Ich schaue selbst auch Menschen an, die aus der Menge heraus stechen… Aber ein kurzer Blick reicht, dann lächeln (das kann sehr wertvoll sein) und dann mache ich wieder weiter… Einfach Respekt vor der Person zeigen

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  3. AnneInside Office
    ·

    Genau das habe ich auch gelernt. Vor etwa 15 Jahren, wenn ich mit meiner schwer Alzheimer Kranken Mutter durch den Park spazierte. Leute welche kurz glotzten und dann gleich lieb lächelten, taten meiner Seele gut. Und wenn es mir seither selber bei jemandem passiert, mache ich es auch immer. Und meist kommt es zurück. Wir sind halt so, dass uns alles auffällt was von der Norm abfällt!
    Wir sollten das Alle so machen!

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    1. Nina Jaros
      ·

      Ein kurzer Blick und eine positive Reaktion können wirklich aufbauen und gut tun.

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  4. Magenta
    ·

    So weit ist es noch nicht. Menschen schauen instinktiv auf das ungewöhnliche, es könnte ja eine Bedrohung sein. Das ist tief verankert. Für die einen ist es ein Reflex, für dich ist das unangenehm. Versuch das nicht persönlich zu nehmen. Ja, das ist ätzend.

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  5. ·

    Tja die liebe Norm. Man ist ja schon nicht normal wenn man keinen Weihnachten mag…. Unser Sohn ist geistig eingeschränkt. Schon das reicht. Achso ne ja unsere Tochter ist jetzt bald 20 und hat noch keine Ausbildung – glaub mir ich glaube an unsere Kinder aber der Rest …. Ach ja könnte sein dass Tochterkind lesbisch ist na und…..

    Wenn das schon Spiessrutenlaufen ist was musst du dann erleben….. Ich freu mich dass Du Deinen Weg gefunden hast der alles andere als einfach war und ist.

    LG
    Ursula

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  6. Michaela
    ·

    Liebe Nina, ich kann gut nachempfinden, wie du dich in dieser Situation gefühlt hast. Auch ich gerate immer wieder einmal in eine solche Situation.

    Neulich war ich mit einer Freundin in einem Cafe. Kein klassisches, eher eines für junge aufgeschlossene Leute. So dachte ich jedenfalls. Eine ganze Weile war es auch angenehm entspannt und ruhig, bis mich ein Typ mittleren Alters entdeckte. Wahrscheinlich ist er durch meine leider noch immer männlich klingende Stimme auf mich aufmerksam geworden. Am Anfang schaute er mich nur kurz an, aber schnell kam der zweite Blick und dann konnte er ganze Weile nicht mehr von mir ablassen. Er starrte mich immerzu an.
    Ich kam mir vor wie ein seltenes Tier im Zoo, welches er noch nie gesehen hatte. Sein Gaffen war mir sehr unangenehm, denn ich fühlte mich ganz normal und richtig – auch weil mir immer wieder mal bestätigt wird, das mein Passing recht gut ist.
    Jedenfalls erstarrte ich innerlich und der Abend war mir fürs erste verdorben. Gott sei Dank verließ besagte Person kurz darauf das Cafe und alles war wieder ruhig. Niemand anderes nahm danach Notiz von mir, aber es blieb ein unangenehmes Gefühl in mir, noch eine ganze Weile………….

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    1. Nina Jaros
      ·

      Ja, du beschreibst das Gefühl haargenau! Es ist durchdringend und unangenehm und niemand merkt es

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  7. Bea
    ·

    Vielleicht würde es helfen, diesen Gaffern mit dem Satz:
    „möchten Sie ein Foto von mir? Sie schauen so“
    ein wenig Contra zu geben.
    Alles Liebe Dir
    Bea

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