Was ist Armut?

Seit einigen Wochen bin ich ziemlich nachdenklich und wieder einmal kreisen dabei meine Gedanken um Armut. Begonnen hat es, als ich meinem Vermieter die Schimmelschäden durch den Vormieter gezeigt habe und mit einer Standardantwort abgespeist wurde: ich solle doch lüften. Tja, dann lüfte ich mal den bestehenden Schimmel raus und natürlich muss ich auf eigene Kosten renovieren. Hurra.

Ich lebe in einer Siedlung, die in den 50er Jahren erbaut wurde. Schön angelegt. Sozialbau. Es gibt Schimmel an den Wänden – durch die man jedes Geräusch aus der Nachbarwohnung hören kann. Es gibt Streit um die Kehrwoche im Treppenhaus. Und nachts turnen die Ratten durch die Grünflächen und über die Balkone.

Ich habe einen Job, einen wirklich guten Job. Einen Teilzeitjob, der mit meiner Familie vereinbar ist. Mein Chef ist toll, die Bezahlung prima (deutlichst über Mindestlohn) und anders als viele andere alleinerziehende Eltern, muss ich nicht aufstocken. Ich verdiene sogar so viel, dass ich gerade nicht Wohngeld beziehen kann… 16 € drüber. Was automatisch bedeutet: kein Anspruch auf Nildung und Teilhabe – mehr Ausgaben weil Schulessen, Ausflüge, Klassenfahrten alles voll zu zahlen sind.

Es geht uns gut. Wir haben ein Dach über dem Kopf, haben zu essen, es ist warm… Und Strom haben wir auch. Und den ganzen Luxus… Fernseher, Handy, technischen Schnickschnack… da ist doch niemand arm. „Arm sind die Kinder in XY, die auf den Straßen verhungern.“, „Ich solle doch arbeiten gehen“, wird mir gesagt, wenn ich über Kinderarmut in Deutschland spreche. Armut wird oft mit absoluter Armut gleichgesetzt. Was Armut in einer Wohlstandsgesellschaft bedeutet hinterfragt kaum jemand. Und oft verschweige ich, dass meine Kinder auch davon betroffen sind. Aus Scham.

Ich verstehe, dass Menschen, die im eigenen Wohlstand sitzen die Armut um sich nicht erkennen. Von oben sehen die Probleme der Menschen darunter immer wie winzig kleine Ameisen aus. Ich verstehe, dass kaum jemand versteht, wie Familien trotz eines stabilen Einkommens am unteren Rand der Gesellschaft leben. Familien, deren Kinder durch die soziale Stellung weniger Bildungschancen erfahren. Familien, die nicht über Geld sprechen, aber jedes Mal, wenn beim Elternabend schnell mal 5-6 euro für Kopiergeld eingesammelt werden, drüber nachdenken müssen, wo sie das Geld wieder einsparen können. Familien, für die der allgemeine Kaufrausch der Weihnachtszeit ein Albtraum ist.

Kinderarmut. Ich hasse dieses Wort. In einem wohlhabenden Land wie Deutschland sollte dieses Wort nie verwendet werden. Genauso wie Altersarmut, Pflegenotstand,…. ach, ich bin wohl einfach nur verbittert.

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