Ein Polizeieinsatz

CN Transfeindlichkeit und deren Folgen, Suizidgedanken

Wir hatten am Samstag einen herrlichen Tag. Die Kinder sind bei mir in Berlin, wir haben den ganzen Tag ruhig verbracht und abends beschloss ich mit Kind4 eine kleine Runde raus zu gehen. Einfach mal ein kleiner Spaziergang und ich hatte vor, zum Geldautomaten zu gehen und dann beim Späti Eis zu holen. Weil wir nur ein paar Schritte raus gehen wollten und damit wir nicht dauernd am Handy hängen, ließ ich mein Handy zuhause und nahm nur das von Kind4 mit.

Wir hatten gerade den Tempelhofer Damm überquert. Ich warf etwas in einen Mülleimer, da sprach mich ein Mann an. Kurze Haare, gepflegter Bart, leicht aggressives Auftreten. Er meint, das wäre nicht mein Kind, beschimpft mich, droht mir, mich zu schlagen, nennt mich pervers und weicht nicht von unserer Seite.

Ich blieb, soweit ich konnte ruhig – mein Kind gothseidank auch. Er wich nicht von unserer Seite und hörte nicht auf, mich mit homo- und transfeindlichen Äußerungen zu beleidigen. Langsam fühlte ich mich ernsthaft bedroht. Endlich sah ich ein Taxi und sprach den Fahrer an. Da ich mein Handy nicht dabei hatte, bat ich den Fahrer die Polizei zu rufen. Der Mann, der mir inzwischen auch an die Schulter griff und mich weiterhin als Zwitter, Schwuchtel … beschimpfte, rief laut seinen Angaben auch die Polizei. Er meinte, mir das Kind wegnehmen zu müssen, weil ich ja so pervers sei.

In diesem Augenblick kam eine Streife vorbei, die auf mich und den Taxifahrer reagierte und anhielt. Es war beruhigend, dass die Beamt’innen die Lage sehr schnell so einschätzten, dass sie mich als Opfer betrachteten.

Ich musste belegen, dass mein Kind mein Kind ist. Meine Ex-Frau wurde angerufen und gefragt, ob sie wisse, dass das Kind bei mir in Berlin wäre usw…. Die Polizei blieb freundlich, geduldig, missgenderte mich nicht ein einziges Mal, sie sprachen ruhig mit mir und meinem Kind…

Jetzt habe ich ein Formular zuhause. Oben steht: „Beleidigung“ – wie die Polizistin mir erklärte „… es liegt da klar ein Hasshintergrund vor. Sie werden von der Dienststelle XY sicher kontaktiert werden“. Mein Kind und ich durften nach Hause, die Polizei hielt den Mann noch so lange auf, dass er uns nicht folgen konnte.

Zuhause ging meine Freundin zum Späti, kaufte Eis und wir saßen mit meinen beiden Kindern noch eine Weile am Balkon. Es war beruhigend, dass die Polizei mir sagte, dass mein Kind sich von mir beschützt gefühlt hatte. Ich war aufgewühlt.

Gestern kam dann der emotionale Schlag des Ereignisses:
Ich hatte Angst, kämpfte mit Dysphorie, heulte stundenlang, weil ich auch drei Jahre nach dem Antrag zur Bartentfernung noch immer vor Gericht darum kämpfen muss (ich fragte mich, ob ich ohne Bartschatten auch so bedroht worden wäre)…. mein Passing ist mies, mein Körper ist von Testosteron geprägt, da hilft auch kein Sommerkleid… Ich kämpfte bis zum Abend mit Suizidgedanken. Meine Familie stand mir bei.

Heute bin ich noch immer aufgewühlt. Ich will nicht vor die Tür gehen. Ich schaffe nicht, in den Spiegel zu schauen. Ich habe Angst. Angst, weil mir klar ist, dass ich Glück hatte, dass ein Taxifahrer da war, der mir half und die Polizei kam und die Situation schnell verstand… weil ich eine Frau bin, die leider nicht so aussieht, wie andere das wollen.

1 Kommentar


  1. ·

    Wenn ich so etwas lese werde ich so unglaublich wütend, dass mir der Magen schmerzt. Ich kann mir nur entfernt vorstellen, was das in dir (ich hoffe das „du“ ist OK) auslöst.
    Ich schicke aus der Ferne eine feste Umarmung. Du bist schön und einzigartig – mit oder ohne Bartschatten. Ich wünschte die Welt würde weniger auf das Äussere achten und die innere Schönheit, die unvergängliche, wahrnehmen. Und bis das soweit ist drücke ich die Daumen, dass du den Bartschatten endlich loswerden darfst.
    Du bist wichtig und würdest sicher sehr sehr vielen Menschen fehlen, die dich so lieben wie du bist!

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